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Berufskrankheit oder einfach „Punktophil“?

Lesezeit: 4 Minuten

Diesen Blogbeitrag widme ich der Interpunktion. Genauer gesagt dem Punkt.

Ich liebe Punkte. Ich lieb’ sie heiß. Ich liebe sie mehr als Beistriche. Und verdammt, ich würde einen guten Punkt einem Rufzeichen jederzeit vorziehen. Ausnahmslos. Wie gut, dass das heutzutage auch so easy geht. Rufzeichen sind nämlich sowas von out. Die sind so 90er. Wie Buffalos und String Tangas. Ersteres scheint übrigens ein Come-back zu erleben. Rufzeichen nicht. Für’s erste. Sie sind schrill und auffällig, fast so als hätten sie in ihrer Jugend nicht genügend Aufmerksamkeit von ihren Freunden und Eltern bekommen. Und als würden sie das nun kompensieren und sagen wollen: „Kommen Sie, kaufen Sie!“ Ein Punkt ist da viel diskreter. Irgendwie unaufgeregter. Ein guter Freund würde jetzt sagen „gewollt edgy“. Aber der findet auch meine Texte gewollt edgy. Was weiß der schon. Hach, jetzt habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich einen Punkt verwende, obwohl eigentlich ein Fragezeichen richtig(er) gewesen wäre. Das geht also auch. Yes.

Ein Punkt kann einen Satz beenden. Period. Muss es aber nicht. Obwohl er bereits gesetzt wurde, kann man seine Gedanken zu Ende bringen. Fast so, als hätte man einen Bestrich gesetzt. Einziger Wermutstropfen: Das Fragezeichen kann mein geliebter Punkt nicht ersetzen. Falsch. Ich habe diese These im vorangegangenen Absatz widerlegt. Allerdings hat meine Widerlegung keine allgemeine Gültigkeit. Vielleicht ist es auch ein Präzedenzfall. Wer weiß.

Der Punkt ist irgendwie paradox. Aber es ist nur ein Punkt. Da muss man erst mal innehalten und drüber reflektieren. Nur ein Punkt…

Vielseitigkeit in Perfektion.

Was hat er nicht alles schon geschafft… der Punkt. Und eigentlich ohne es zu wollen. Fast so wie Kurt Cobain. Völlig intentionslos hat er Großes vollbracht. Nein, geschaffen. Ja, wenn der Punkt ein berühmter Star wäre, dann sicherlich Kurt Cobain. Weil sie beide so reduziert sind und doch so vielsagend. Und wenn wir schon beim Thema sind: Das Rufzeichen wäre dann wohl Madonna. Beide waren sie mal groß, aber beide haben sie es dann übertrieben.

Der Punkt – das reduzierteste Satzzeichen, das es bisher vielleicht gab. Ohne ihn gäb’s vieles nicht. Nehmen wir doch einfach mal etwas aus dem Alltag her – Emojis. Lediglich zwei Punkte und noch ein paar trivialere Satzzeichen und fertig. Das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Ohne Punkte gäbe es keine Emojis. Oder vielleicht doch. Mit Beistrichen als Augen. Aber dann würde der doch an beiden Augen zwinkern. Oder er hätte die Augen zu. Und die Augen sind ja bekanntlich die Fenster zur Seele. Ob das ein Hype und anschließend etwas geworden wäre, das heutzutage unverzichtbar ist? Und vor allem: Hätten wir dann so existentielle Emojis wie den Scheißhaufen, der wie nur wenige wissen, eigentlich Schokoladeneis darstellen soll? Oder was ist mit den zwei Tänzerinnen, die ein Hasenkostüm tragen und sich an den Händen halten? Und nicht zu vergessen, die Melanzani, die aber nur die wenigsten für ihre Gemüseintentionen verwenden? Ach, nennen wir das Kind doch beim Namen. Die Melanzani – oder wie die Deutschen jetzt sagen würden die Aubergine – steht für den Phallus des Mannes. An dieser Stelle sei aber auch der Pfirsich erwähnt, denn wenn ich etwas in diesem Beitrag nicht tun möchte, dann ist es das weibliche Geschlecht zu benachteiligen. Omg. Gerade nochmal gut gegangen. Ich konnte die FemfluencerInnen schon hören, wie sie in die Tasten hauen und sich für #girlpower stark machen. Wie dem auch sei: Ich jedenfalls hasse Emojis. Ich verwende sie, damit die Leute, die mich nicht wirklich kennen, glauben, ich wäre nett, lustig und lebensfroh. Aber zum einen sagen die absolut nichts über einen Menschen, dessen Charakter und schon gar nicht die Gemütslage aus. Und zum anderen bin ich weder nett, noch lustig und lebensfroh schon gar nicht.

Punkt, Punkt, Komma, Strich

Und an dieser Stelle gibt es noch eine Frage, die für mich immer öfter aufkommt. Werden Journalisten jemals in ihren Investigativ-Stories damit beginnen, Emojis zu verwenden, damit klar wird, dass sie beispielsweise Nestlé wirklich blöd finden? Denn oftmals kapieren die Leute nicht mehr den Sinn von geschriebenen Worten, wenn sich dahinter nicht ein wütender, trauriger oder lachender Smiley verbirgt. Antworten hierzu könnte man sicherlich auch bei Katrin Burgstaller, die mehr als neun Jahre für den Standard geschrieben hat oder Martina Marx, die bei der Presse und beim Wirtschaftsblatt war und nun die Chefredakteurn des Magazins Futter ist, finden.

Zurück zum Punkt. Leute regt euch ab. Es ist nur ein Punkt. Aber ich wollte ihn trotzdem irgendwie ehren. Er kann einfach so viel und ist fast wie ein Schweizer Taschenmesser mit zahlreichen Funktionen. Er kann etwas beenden. Er kann aber auch etwas offenlassen. Er macht uns edgy. Er lässt uns Dinge verkaufen und uns gleichzeitig dabei so aussehen, als würde es uns nicht die Bohne interessieren, ob wir tatsächlich was verkaufen. Und fahren nicht genau darauf die Leute ab? Man kauft doch eher etwas, wenn man merkt, dass es dem Verkäufer nicht darauf ankommt. Man denkt sich „Fuck, sein Produkt ist so gut, der hat keine Rufzeichen nötig, um hervorzuheben, dass er diesen Kram nur loswerden will oder weil er eine Familie zu ernähren hat. Er weiß, dass er da was Gutes hat und dass es ihm die Kundschaft aus der Hand reisen wird. Früher oder später. So stoisch kann man doch nur sein, wenn man weiß, dass man was Mächtiges in der Hand hat. Oder eben halt verkauft. Es kann noch was kommen, muss aber nicht. Er wartet einfach. Aber nicht auf Godot!

 

 

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