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Content Strategie unverblümt 2.0

Lesezeit: 7 Minuten

Es ist wieder soweit. Ein neuer Blogpost. Die anderen nehmen gerade an einem Webinar teil. Ich kann nicht, da meine Internetverbindung Probleme macht. Vorhin hat es orkanartig gestürmt, das hat Graz so noch nicht gesehen. Gleichzeitig der Grund für meinen heutigen Ausfall. Oh und apropos Fall: Mir ist ein Mädchen auf dem Heimweg von hinten ins Fahrrad gefahren, sodass ich von selbigem fiel. Ich hab’s überlebt, aber mein Schienbein blutet noch immer und tut weh. Trotz Warnzeichen in Form von dunkelblauen und schwarzen Wolken am Himmel machte ich mich nichtsahnend samt Hund auf den Weg nach Hause. Ich fahre Fahrrad. Django hat auf dem Gepäcksträger ein Körbchen, in dem er mich fast täglich zur Arbeit begleiten darf. Und ja, es sieht ein bisschen bescheuert aus, wenn hinten ein kleiner Mischling mit viel Chihuahua mitfährt, aber ich bringe damit viele Menschen zum Schmunzeln und damit kann ich gut leben.

Der Wind war unvorstellbar und hat dem Mädchen, das hinter mir fuhr, einen Stoß verpasst, sodass sie in mich krachte. Wie gesagt, nichts passiert. Aber auch Django fiel aus seinem Körbchen und lief orientierungslos zwischen Fahrradspur und stark befahrener Straße herum, bis er nicht mehr wusste, was tun und sich im strömenden Regen einfach hinsetzte. „Toter Hund“ ist sein Lieblingstrick, aber den mussten wir heute – wem auch immer sei dank – nicht vorführen. Ein Leckerli hat er am Ende dieses ereignisreichen Tages trotzdem bekommen.

Als Einleitung reicht das, würde ich sagen. Da heute auch noch eine Abgabe aussteht, ich allerdings das Internet dazu brauche, dachte ich mir, ich mach mal auf produktiv und schreibe einen Blog-Beitrag.

Die Frage zu aller Anfang, für wen ist dieser Blogpost diesmal „gesperrt“? Ja, auch diesmal muss ich ein Content Warning aussprechen und ich nehme einige Dinge schon mal vorweg. Spoileralarm: „Heute bei Content Strategie unverblümt 2.0 sprechen wir über meinen anstehenden Jobwechsel, Projektarbeiten und den Tod.“ Ja genau, ich wiederhole letzteres: der Tod. Wie diese drei Dinge zusammenhängen kommt noch. Geduld bitte. Allerdings ist meine Warnung um einiges ernster gemeint, als die letzte. Diejenigen, die „Content Strategie unverblümt 1.0“ gelesen haben, wissen Bescheid. Diejenigen, die es noch nicht kennen, sollten dies schleunigst nachholen. Die Story hat alles, was man braucht. Sex, Drugs und Content Strategie. Ok, eines davon war gelogen.

Kommen wir zurück zum Thema Tod. Passt irgendwie auch als Überleitung. Ich habe vor kurzem meinen Job als Content Managerin bei einem Online Sports-Retailer gekündigt, weil ein besseres Angebot einer Grazer Designagentur eintrudelte. Danke. Beifall könnt ihr mir später spenden. Oder Beileid. Mal sehen, was kommt. Obwohl ich in meinem (diese Woche noch) aktuellen Job glücklich bin, konnte ich dieses Angebot nicht ablehnen. Künftig darf ich mich beruflich für namhafte Kunden verbal „auskotzen“ und ich freue mich richtig drauf. Ich nenne es gern „Wortkotze“. Wenn man spricht oder schreibt, ohne groß darüber nachzudenken. Schöpfungen, die daraus resultieren, sind gleichermaßen rein und schmutzig, den Nagel auf den Kopf treffend, verletzend sowie wahr. Für mich eine der ehrlichsten und literarischsten Arten zu kommunizieren. „Wortkotze“ spreche ich auf Level C1, steht aber nicht in meinem Lebenslauf. Falls ihr jedenfalls mal Broschüren, Magazine o.ä. in die Hände bekommt, die eine unerklärliche, leicht derb klingende Verve versprühen – das war vielleicht von mir. Dieser Umstand bringt mich aber in eine unglückliche Lage und in einen fließenden Übergang zu Thema Nummer zwei: die Projektarbeit. Viele wissen es noch nicht, viele nur zu gut, aber wir COS-Studierenden müssen/sollten/dürfen/haben die Ehre eine Arbeit am Ende des Semesters zu verfassen. Da stecken viel Arbeit, Aufwand und ein Drittel aller ECTS-Punkte dahinter. Bei einem berufsbegleitenden Studium wie dem unsrigen soll sich besagte Arbeit (bestenfalls) auf unser Tätigkeitsfeld beziehen. Es besteht auch die Möglichkeit, für eine Company, die bei der Fachhochschule anfragt, zu schreiben, aber bevor ich das tue, bezahle ich eher meine längst fällige Kirchenbeitragssteuer. Mein Problem ist folgendes: Ich verlasse mein bisher gewohntes Tätigkeitsfeld und widme mich einem völlig neuen, von dem ich ehrlich gesagt noch keine Ahnung habe, geschweige denn weiß, was ich in einer wissenschaftlichen Arbeit untersuchen soll.

Jetzt aber wirklich: der Tod. Und nochmals: Meine Content Warnung ist ernst gemeint. Ich werde keinesfalls pietätlos mit diesem Thema umgehen, allerdings ließ man mich bereits mehrmals wissen, dass meine Ausdrucksweise manchmal zu harsch ist – nette Menschen nannten es gewöhnungsbedürftig – und für Leser, die kürzlich einen Menschen verloren haben, mag es unangebracht klingen oder Salz in eine Wunde streuen, die gerade heilt. Ich nenne die Dinge nun mal beim Namen, anstatt sie zu umschreiben und damit zu beschönigen. Und das pflege ich gleichermaßen mit jedem erdenklichen Thema.

Erneuter Versuch: der Tod. Neulich kam eine Arbeitskollegin (Stylistin, unfassbar talentierte Künstlerin und Mode-Designerin sowie Inhaberin des Skate-Labels Nox Clothing) ins Büro und erzählte von ihrem Wochenende. Kein schönes Wochenende. Kein Ausflug in die Weinstraße, in die Therme und auch keine wilde Bergtour – nichts, das ein Otto Normal-Ösi (oder Otto Normal-Mitteleuropäer) unternehmen gerne würde. Nein. Sie war bei einer Beerdigung. Gibt sicherlich schöneres. Ihre Tante war gestorben. Diagnose Krebs. Im Krankenhaus konnte sie noch Abschied nehmen – etwas, das vielen von uns verwehrt bleibt. Abschiede dieser Art sind kein Zuckerschlecken, weder für den Sterbenden, noch für den künftigen Trauernden, aber über die Gelegenheit ist man letzten Endes dennoch dankbar. Unausgesprochenes aussprechen oder unausgesprochen lassen, eine Berührung, eine Umarmung. Zeigen, dass es einen Unterschied machen wird, wenn die Person nicht mehr da ist. Wir kamen also im Office nicht drum herum, ausgiebig über dieses Thema zu philosophieren. Die Beerdigung war nämlich nicht das, was sich die Tante gewünscht hätte. Der Priester schwafelte unverständliches, biblisches Zeugs, das man vielleicht verstanden hätte, nachdem man eine wissenschaftliche Arbeit darüber gelesen hat. Wir erörterten, wie wir uns unser Begräbnis vorstellen. Es fielen Begriffe wie „Party-Beerdigung“. Das, was sich viele wünschen, ist nämlich nicht, dass unzählige Menschen um einen weinen und trauern, sondern eher das legendäre Leben der noch legendäreren Person feiern. Warum muss der Tod immer als das Schlimmste vom Schlimmsten gesehen werden, wenn er uns doch allen bereits bei der Geburt als einzig wahre Konstante mitgegeben wird? Das eine führte zum anderen und plötzlich standen wir mit einer Idee für ein Unternehmen da. Ist nichts Neues, viele haben etwas im Kopf, womit man ordentlich Geld scheffeln kann und das ihnen ja irgendwie auch am Herzen liegt und wenn man heutzutage nicht mindestens einmal eine Eingebung a la „Oh Marktlücke“ hatte, dann weiß ich auch nicht weiter.

Aber ehrlich? Was sind das denn für Ideen? Häufig ist es ein Hipstergetränk, das auf Tee basiert, kalorienarm und glutenfrei ist, herrlich zu billigem hochprozentigen Alkohol gemixt werden kann und auch noch Syphilis heilt. Abstrus vielseitig auf so vielen Ebenen. Bestenfalls schmeckt besagtes Getränk optimal zu Gerichten mit Avocado oder Quinoa und wird von Bloggern und Instagramern mit dem Vermerk „Anzeige/Werbung“ gekonnt in Szene gesetzt.

Zugegeben, ich trinke sie auch gerne, aber auch ohne wäre mein Leben ganz prima. Was ist allerdings etwas, dem ein jeder von uns früher oder später ins Antlitz blicken muss? – Da haben wir ihn endlich: der Tod! Wir alle werden irgendwann mal den Löffel abgeben. Jeder von uns. Egal, wie er lebt, wie viele Avocados er in seinem Leben verspeist oder vitalisierende Hipstergetränke getrunken hat, wir alle müssen sterben. Das ist auch gut so. Ich kenne niemanden, der ewig leben möchte. Eines Tages kommt der Sensenmann und idealerweise hält das Schicksaal die chronologische Reihenfolge ein, die wir uns erwarten. Ich selbst war bereits zwei Mal Zeuge und Trauergast bei Beerdigungen. Beide Male ein Mädchen im Teenageralter, das ihre Mutter an den Krebs verloren hatte. Dort beobachtete ich folgendes: Wenn Töchter um Mütter trauern, dann zerreißt es einem das Herz, aber wenn Mütter um ihre Töchter trauern, dann fehlen einem die Worte. So mitnehmend das auch war, schwirrte mir damals schon im Kopf herum, dass diese Feiern den Verstorbenen nicht gerecht wurden. Selbiges galt auch für die verstorbenen Tante meiner Arbeitskollegin. Die Frage lautet, wie möchten wir eines Tages abdanken? Möchten wir, dass geliebte Menschen, die uns ja doch nicht so gut kennen, unsere letzte „Party“ ausrichten? Soll es ein Beerdigungsinstitut sein? Die Kirche? Soll ein alter zitternder Pfarrer irgendwas aus einer Bibel lesen, während die Trauergäste so tun, als ob sie es verstehen und dabei ein oder zwei Tränchen verdrücken. Genau diese Fragen stellten wir uns an jenem Tag  und unsere Idee für das Start-Up war geboren.

Nach ausgiebiger Recherche sagte uns Google, dass es anscheinend keine Beerdigungsinstitute oder Sonstiges gibt, das individuelle – „customized“ wenn man so will – Beerdigungen anbietet. Wir kamen auf den gemeinsamen Konsens, dass das nicht nur gewinnbringend wäre, sondern etwas, das der Menschheit in dieser Form fehlt. Im Büro amüsierte man sich ein wenig über das Thema, fand es irgendwie geistreich, widmete sich aber schnell wieder dem Daily Business. Naja, nicht alle. Feuer und Flamme fingen die trauernde Stylistin und ich. Uns kamen unzählige „Erleuchtungen“ in den Sinn, einige davon waren kreativ und durchaus brauchbar und einige waren einfach nur daneben. Von Videos der Verstorbenen, die sie zuvor aufgenommen hatten, in welchen sie humorvoll die Trauernden zum Weinen auffordern und mit dem Finger in die Kamera zeigen, über Musikwünsche a la „My way“ oder „Over the rainbow“ bis hin zum Alkohol, der ausgeschenkt werden sollte, um den Schmerz zumindest kurzfristig ordentlich runterzuspülen. Auch wenn es mitunter makaber klingt, immer an erster Stelle: die Umsetzung der Kundenwünsche. In unserem Fall: Menschen, die vorsorglich ihr Abtreten planen oder Todkranke, die das Unausweichliche nicht dem Zufall oder erzkonservativen Bestattern überlassen wollen. Die Einzelheiten zum Repertoire des potentiellen Bestattungsunternehmens – im Moment unwichtig. Ich bzw. wir waren allerdings davon überzeugt, dass es einen Markt für ein solches Start-Up gibt. Der demographische Wandel samt immer älter werdender Population aber auch ungesunde, zuckerhaltige Ernährungsweisen, Nikotin und mangelnde Bewegung sind fruchtbarer Boden für Diabetes, Herz-Kreislauf Erkrankungen und Krebs. Das klingt jetzt vielleicht nach Schwarzmalerei und Profitgier, aber ich ordne mich selbst in die Kategorie des potentiellen Kunden – und das nicht nur wegen meines momentan sehr ungesunden Lebensstils. Streng genommen gehört jeder Mensch auf diesem Planeten zum potentiellen Kundenstamm. Wie bereits eingangs erwähnt: Fix is’ nix. Außer der Tod.

Eine letzte Frage stellt sich nun noch: In welchem Zusammenhang steht das Thema Tod zu meinem Jobwechsel und der Projektarbeit? Nun ja, dank bzw. wegen meines Jobwechsels habe ich momentan kein Thema für meine Projektarbeit. Die Idee des Bestattungsunternehmens, welches individuelle und an den „Kunden“ angepasste Trauerfeiern ausstattet, könnte wissenschaftlich mittels einer Content Strategie fundiert werden. In dieser Arbeit könnte man eine Konkurrenzanalyse machen, den bestehenden Markt eruieren und den Kundenstamm enger definieren. Es handelt sich hierbei um eine meiner Meinung nach abstrakte, sensible Dienstleistung, die eine klar definierte Botschaft fordert. Schlicht: Eine wissenschaftliche Arbeit könnte Aufschluss darüber geben, ob zwei Menschen verrückt sind und träumen, oder, ob sie Pioniere in einem Sektor wären, in dem es schon lange keine Revolution mehr gab.

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