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Sujetbild mit Social Media Buttons

Myspace ist tot, aber warum?

Lesezeit: 4 Minuten

Es ist schon etwas her, aber es gab eine Zeit, da saß ich vor dem Computer, zugegeben vor einem grauen Stand PC und einem 4:3 Monitor, und öffnete Myspace. Ein soziales Netzwerk, das Facebook Konkurrenz machte und angeblich kurz davor stand, es zu übernehmen. Aber mehr dazu später.

Für mich war Myspace der Raum, in dem die Nutzer und auch ich coole Fotos hochgeladen haben, um cooler zu wirken als wir waren. Soweit unterscheidet sich das nicht von den anderen sozialen Netzwerken. Bei Myspace aber war eine Individualisierung der Profile durch Cursor Animationen, Wahl der Schriftart, Layouts und Musik, welche beim Besuch des Profils automatisch abgespielt wurde, möglich. In meinem Fall war die Stimmung, welche im eigenen Profil geändert werden konnte, auf „am chillen“ oder „melancholisch“ gestellt. Ich musste zwar melancholisch im Duden nachschlagen bevor ich es das erste Mal verwendete, fand es aber als 15-Jähriger toll. Besonders wichtig war der Profilsong, welcher beim Öffnen einer Seite automatisch abgespielt wurde. Der musste nicht nur cool sein, dieser musste mehr oder minder das eigene Weltbild widerspiegeln. An einen kann ich mich noch erinnern und den finde ich nach wie vor gut.

Myspace finanzierte sich über Werbung und Nutzer konnten neben den Benutzerprofilen Fotos, Videos, Blogs und Gruppen einrichten. Damit aber noch nicht genug, es konnte eine Begrüßung, eine Profilbeschreibung und ein Ranking der Freunde vorgenommen werden. Ja genau, ein Ranking der Freunde, man hatte 3×3 Felder in denen man die neun besten Freunde anordnen konnte. Ich will gar nicht wissen wie viel Freundschaften dieses Feature zerstört hat. Vielleicht scheiterte Myspace auch deshalb?

Wie ihr merkt, klingt das bis dato fast ausschließlich nach Spaß und den hatte ich auch, also stelle ich mir seit damals die Frage, warum und woran das soziale Netzwerk scheiterte? War vielleicht Facebook daran schuld? Hier die Entwicklung der Google Suchanfragen nach Myspace von 2004 bis 2019.

Entwicklung der Suchanfragen nach Myspace
Entwicklung der Suchanfragen nach Myspace

Zur Geschichte

Myspace wurde 2003 gegründet, der Schwerpunkt galt der Musik. Die Idee dahinter war, dass Bands auf der Plattform mit den Fans auf Augenhöhe kommunizieren. 2004 stand eine Übernahme von Facebook im Raum. Angeblich war aber Myspace nicht bereit 75 Millionen Dollar für Facebook zu bezahlen. -> Öffnet an dieser Stelle Google und sucht nach dem heutigen Firmenwert von Facebook. Scheint als hätte die Geschichte besser ausgehen können, im Nachhinein lässt sich aber leicht darüber urteilen.

Bereits 2005 kaufte Rupert Murdoch’s News Corporation Myspace für 580 Millionen Dollar. Das Netzwerk wuchs in dieser Zeit um rund 230.000 Mitglieder pro Tag, durchbrach im August 2006 die 100 Millionen Mitglieder Marke und schloss eine Kooperation mit Google. Google AdSense und der Suchalgorithmus wurden in das Netzwerk integriert. Der Deal brachte von 2007 bis 2010 kolportierte 900 Millionen Dollar und die Community wuchs 2019 auf rund 268 Millionen Mitglieder an.

Die Talfahrt begann 2008, als Facebook Myspace in puncto Mitgliederzahlen überholt hatte. Bereits 2011 hatte Myspace schwer zu kämpfen und entließ 500 Mitarbeiter. Die Mitgliederzahlen schrumpften auf 63 Millionen Benutzer. Im gleichen Jahr noch übernahm das Werbenetzwerk Specific Media das Unternehmen um 35 Millionen Dollar und nutzte die vorhandenen Daten, um eine Marketing Initiative zu erstellen. 2016 kaufte Time Inc um 87 Millionen Dollar das, was von Myspace übrig war, um die vorhandenen Daten zu verwerten und kündigte an, dass Botschaften der Werbetreibenden auf die optimalen Zielgruppen quer über alle Geräte zugeschnitten werden. Klingt interessant, ist aber eine sehr vage Aussage und es gilt die Resultate gespannt zu verfolgen.

Gründe des Scheiterns

Genug zur Historie, die relevante Frage ist, was Start Ups und andere Unternehmen aus dieser Geschichte lernen können. Welche Fehler beging Myspace?

  • Die Plattform war für Nutzer kostenlos und finanzierte sich über die Einbindung von Werbung. Diese wurde jedoch kaum Sicherheitsüberprüfungen unterzogen, was zu falschen Versprechen und schlechten Kundenerlebnissen führte. Außerdem wurde die Werbung in Form von Bannerwerbung eingebettet, welche als sehr störend empfunden wird, wie eine Studie von Statista belegt. Der Mitbewerb integrierte Werbung damals schon deutlich harmonischer.

  • Unternehmen hatten Schwierigkeiten auf der Plattform Fuß zu fassen. Die Sichtbarkeit war nicht gegeben und der Suchalgorithmus unterschied kaum zwischen richtigen Unternehmensseiten und Fake Profilen. Außerdem waren die Möglichkeiten im Vergleich zu Facebook oder anderen sozialen Netzwerken eingeschränkt. Für Bands funktionierte dies deutlich besser, da sie von Beginn an im Fokus standen.

  • Apropos Musik, nachdem Facebook Myspace die Vormachtstellung bereits abgerungen hatte, versäumten sie sich auf die richtige Nische zu fokussieren und beschäftigten sich zunehmend erfolglos mit den Themen Bücher, Mode und Sport.

  • Zudem wurden Sicherheitslücken bekannt und schadeten dem Image zu einer Zeit, in der das Thema Datenschutz und Umgang mit personenbezogenen Daten kontrovers diskutiert wurde. Private Bilder wurden veröffentlicht, Accounts mittels Geburtsdatum gehackt und Profile willkürlich seitens Myspace gelöscht. Zusätzlich wurde 2016 bekannt, dass hunderte Millionen Account Daten aus der Zeit bis 2013 gestohlen wurden. Ein Thema mit dem auch Facebook kämpft, denkt man an den Cambridge Analytica Skandal.

  • Mobile First ist heutzutage die Devise, online wird primär mit dem Smartphone gesurft. Das erste IPhone erschien 2007, Facebook war damals schon als App erhältlich und bereits davor per Handy bedienbar. Myspace konnte hingegen erst ein Jahr später mobil bedient werden, in dem Jahr, in dem es in puncto Nutzerzahlen überholt wurde. Hinzu kamen Probleme mit der Barrierefreiheit der Seite.

Der Slogan lautete einst Myspace – a place for friends. Ich kann mich noch gut erinnern, als die ersten Postings ankündigten: „Bin ab sofort auf Facebook zu finden“ und der Raum für Freunde, viel Raum und wenig Freunde beinhaltete. Falls du versuchst dich zu erinnern wie dein Myspace Profil aussah, logge dich ein oder verwende die „Passwort vergessen“ Funktion. Wurde dein Account nur deaktiviert, stößt du womöglich auf nette Erinnerungen. Hier der Link.

Quellen

https://derstandard.at/2000081138279/Eine-Handvoll-User-liebt-nach-wie-vor-die-Geisterstadt-Myspace

https://de.statista.com/infografik/9638/stoerende-und-hilfreiche-werbung/

Google Books

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Time-kauft-Datenhalde-MySpace-3100050.html

https://www.hna.de/netzwelt/myspace-grosses-datenleck-nutzer-jetzt-muessen-zr-6453699.html

https://internetinnovators.com/de/post-de/myspace-von-der-beliebtesten-musikplattform-zum-schlusslicht-der-sozialen-netzwerke/

https://www.nytimes.com/2018/12/12/magazine/what-happens-when-facebook-goes-the-way-of-myspace.html

https://www.theguardian.com/technology/2016/feb/11/myspace-time-inc-facebook-acquisition-ownership

https://www.theguardian.com/technology/2018/jun/06/myspace-who-still-uses-social-network

https://de.wikipedia.org/wiki/Myspace

https://www.youtube.com/watch?v=yB1J0JaYePs

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